Autor Thema: Pausen und Haltebögen in historischen Tabulaturen  (Gelesen 4294 mal)

harm6

  • Gast
Pausen und Haltebögen in historischen Tabulaturen
« am: Mittwoch, 8. August 2012, 00:33 »
Hallo,

ich beschäftige mich im Moment u.a. mit historischen Tabulaturen.
Ziel soll sein Tabulaturen mit einer Rhythmuslinie über den Linien zu erhalten.

Bei zwei Notationsformen weiß ich jedoch nicht so recht wie das letztendlich aussehen soll: Pausen und Haltebögen.
Wie ist das früher gemacht worden?

Bsp:
\relative c' {
        a4 r ais b8 c~
        c d c b a gis a4
}

Schrebt man die Pause auch oben drüber oder macht man aus dem vorangehenden a eine halbe Note?
Ähnlich die Sache mir dem Haltebogen. Schreibt man ihn oder macht man aus c8~c eine Viertel, egal was der Takt sagt?

Im Anhang der bislang entwickelte Code plus Bild.


Gruß,
  Harm
« Letzte Änderung: Mittwoch, 8. August 2012, 01:20 von harm6 »

trulli

  • Gast
Re: Pausen und Haltebögen in historischen Tabulaturen
« Antwort #1 am: Mittwoch, 8. August 2012, 17:09 »
Hallo harm,

ein interessantes Projekt!

Wenn ich diese (auf den Kopf gestellte) italienische Tabulatur sehe, bekomme ich immer einen Knoten im Kopf.  :)

Ich kenne nur die Schreibweise für Haltebögen (siehe Bild), habe aber, was die Pausen betrifft, in einem anderen Forum angefragt.

Ich habe auch einige alte Tabulaturen, aber dort sind komischerweise keinerlei Pausen notiert. Könnte das entwicklungsgeschichtliche Gründe haben? Pausen wurden ja erst in der Mensuralnotation definiert. Das war aber immerhin schon im 13. Jahrhundert...

Soweit ich sehe, hast du Gitarre und Vihuela-Tabulaturen als Grundlage genommen. Eine Erweiterung zur Lautentabulatur ist wahrscheinlich nicht schwer, oder was meinst du?

Grüße von Trulli

RobUr

  • Gast
Re: Pausen und Haltebögen in historischen Tabulaturen
« Antwort #2 am: Mittwoch, 8. August 2012, 21:40 »
Hallo Harm, hallo Matthias,

echte einheitliche Konventionen gibt es hierbei nicht, aber die Antworten auf die Fragen sind einfacher als erwartet:
  • Pausen: hier wird lediglich die Tondauer über dem Tabsystem notiert, ohne zu greifende Töne. Dies entspricht (im homophonen Satz) quasi dem Stoppen durch Fingeraufsetzen. Im polyphonen Satz ist dieses Vorgehen schlichtweg nicht notierbar – hier ergeben sich Tondauern aus dem Kontext.
  • Haltebögen: schlicht eine Erfindung der modernen Notation. Die Vermutung ist völlig richtig, eine entsprechende Tondauer in Gänze zu notieren, da es strenge Taktmuster nach heutigem Verständnis einfach noch nicht gab. Stichwort „Mensurstriche“.

Allgemein muss ich anmerken, dass diese Art Transkription eine Einbahnstraße ist. Es ist sehr gut möglich, eine historische Tabulatur in moderne Notation zu überführen, aber andersrum kaum. Als Beispiel füge ich eine gemischte Edition an, in der sich sehr gut erkennen lässt, wie vage eigentlich Tabulaturen sind. Zur rhythmischen Notation sind Hälse und Fähnchen zwingend notwendig, d.h., die längstmöglich zu notierende Tondauer ist ein Viertelnote (resp. Minima); eine halbe Note (Semibrevis) ist mangels Notenkopf nicht unterscheidbar, und alle längeren Werte sind ohne Hals/Fähnchen nicht darstellbar.

Grüße, Robert

trulli

  • Gast
Re: Pausen und Haltebögen in historischen Tabulaturen
« Antwort #3 am: Mittwoch, 8. August 2012, 22:39 »
Hallo Leute,

gute Hinweise, Rob!
Zu Dowlands Lebzeiten gab es allerdings schon Mensurzeichen (tempus perfectum, tempus imperfectum...). Und die Notenwerte waren durch Semiminima und Fusa schon erweitert worden. Insofern gab es da schon eine recht genaue Notation. Wie dein Beispiel gut zeigt, konnte der polyphone Verlauf der Stimmen nicht dargestellt werden. Da die Lautenisten gut ausgebildete Musiker waren, nehme ich aber an, dass sie die verschiedenen Stimmen ohne Probleme herausarbeiten konnten.

Durch nette Mitmusiker aus einem privaten Forum habe ich jetzt endlich mal ein paar Pausen gefunden. Das Bild zeigt einen Faksimile Druck von Dowland. Fundstelle: Die Gerbode-Sammlung. Dort gibt es einen Ordner mit Faksimiles: http://gerbode.net/ft2/facsimiles/

Sarge Gerbode hat Tausende von Lautenstücken gesetzt - eine echte Goldgrube....

Grüße von Trulli

harm6

  • Gast
Re: Pausen und Haltebögen in historischen Tabulaturen
« Antwort #4 am: Mittwoch, 8. August 2012, 23:03 »
Hallo zusammen,

vielen, vielen Dank für die Hinweise.

@Trulli
Besonders Dein Dowland-Faksimile war sehr erhellend. Das andere Bild-Beispiel ist offensichtlich aus einer modernen Ausgabe. Da bin ich mir dann nie sicher wieviel Original beibehalten wurde.
Die Gerbode-Sammlung werde ich mir mal genauer ansehen.

@Robert
Zitat
Allgemein muss ich anmerken, dass diese Art Transkription eine Einbahnstraße ist. Es ist sehr gut möglich, eine historische Tabulatur in moderne Notation zu überführen, aber andersrum kaum.
Da hast Du natürlich recht. Tatsächlich würde ich gerne gemischte Ausgaben/Transkriptionen erstellen. Aber dazu muß man den TabStaff ja erst mal vernünftig schreiben können.

Insoweit kommt Deine Dowland-Ausgabe dem sehr nahe was ich erreichen will.

Zwei Fragen dazu.
Hast Du die Notenwerte über dem TabStaff per Hand gesetzt oder eine Funktion dazu benutzt?
Wie hast Du die Angaben für die tieferen Baß-Saiten in den TabStaff bekommen?


Gruß,
  Harm

RobUr

  • Gast
Re: Pausen und Haltebögen in historischen Tabulaturen
« Antwort #5 am: Mittwoch, 8. August 2012, 23:41 »
Hallo Matthias,

Zitat von: trulli
Zu Dowlands Lebzeiten gab es allerdings schon Mensurzeichen (tempus perfectum, tempus imperfectum...). Und die Notenwerte waren durch Semiminima und Fusa schon erweitert worden. Insofern gab es da schon eine recht genaue Notation.
Selbstverständlich!!! Der entscheidende Unterschied ist ja aber, dass man im Gegensatz zu heute „in Vier“ oder „in Drei“ oder „in Halben“ usw. denken muss und eben nicht in „viermal Vier“ oder „dreimal Halbe“ oder „x-mal Ganze“ (um bspw. einen 4/4-Takt zu vervollständigen) – kurz gesagt: der Grundschlag konnte festgelegt werden, aber nicht die Länge einer Takteinheit. Da insbesondere Vokalmusik jener Epoche textbetont zu musizieren war (und ist), müssten wir heute in modernen Editionen ständig Taktwechsel vornehmen.

@Harm
Diese gemischte Ausgabe ist recht aufwändig zu setzen, aber es lohnt sich für alle Ausführenden – vor allem Gitarristen/Lautenisten, die Tabulaturen lesen können – gewisse Schwierigkeiten in moderner Übertragung zu ergründen und notfalls zu verbessern (nicht allein des Fingersatzes wegen). Man spielt als Begleiter eine tragende Rolle! Ich finde es nur fair, das Original mit all seinen Ungenauigkeiten und stellenweise auch Fehlern den Musizierenden zur Verfügung zu stellen, um besser in die Materie eintauchen zu können. Gute Begleitung ist damals wie heute eine hohe Kunst, wichtige Stellen hervorzuheben und unwichtige auch mal weglassen zu können.

Zitat von: harm6
Hast Du die Notenwerte über dem TabStaff per Hand gesetzt oder eine Funktion dazu benutzt?
Ja, per Hand gesetzt. Für diese spezielle Rhythmusnotation konnte ich mir keine Funktion vorstellen, die in der kurzen Zeit, die ich dafür hatte, die Dauern in gewünschter Weise zu reduzieren vermochte. Es handelt sich um einen RhythmicStaff (so nah wie möglich an den TabStaff gerückt). Die 1:1-Wiederholung der Tabulaturnoten im RhythmicStaff hätte zu viele Rhythmusangaben verursacht.

Zitat von: harm6
Wie hast Du die Angaben für die tieferen Baß-Saiten in den TabStaff bekommen?
Sorry: geschummeltes Markup ;)
\once \override TextScript #'extra-offset = #'(-0.25 . 0.5)
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Grüße, Robert