Autor Thema: Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position  (Gelesen 6723 mal)

TipTap

  • Gast
Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« am: Mittwoch, 3. Februar 2010, 22:40 »
Hallo ihr freundlichen Helfer,

möglicherweise verstehe ich etwas nicht, vielleicht ist es aber auch
ein Bug/Feature des Tabulatursatzes. Das folgende Minimalbeispiel
definiert die Tonhöhen eines Koyabus für die linke Hand und setzt
einen Takt ohne meine Modifikation, danach den gleichen Takt
noch einmal mit erzwungener Lage:

\version "2.12.2"

% Koyabu left hand tuning: C G d a e h
#(define-public koyabuLH  '(35 28 21 14 7 0))

global= {
  \time 4/4
}

myNotes = { g16 e' c' b c e, c' e, g, e' c' b c e, c' e, }
myNotesForced = { g,16 e' <c'\2> b <c\2> e, <c'\2> e, g, e' <c'\2> b <c\2> e, <c'\2> e, }

<<

  \new TabStaff {
    % koyabu left hand
    \global
    \set TabStaff.stringOneTopmost = ##f
    \set TabStaff.stringTunings =  #koyabuLH
    \set TabStaff.minimumFret = #1
    \stemUp
    \relative c''' { \myNotes \myNotesForced }
  }
  \new Staff {
    % cello
    \global
    \clef bass
    \key g \major
    \relative c { \myNotes \myNotesForced }
  }

>>

Die notierte Cellostimme ist nur zur Kontrolle notiert. Die gezeigten
Griffpositionen in der Tabulatur stimmen von der Tonhöhe her,
aber die Position "1" ist im Kontext des ersten Taktes nicht spielbar,
jedenfalls nicht für das 16-tel Tempo, das ich am Koyabu schaffe ;)

Der vermeintliche Fehler: Der erste Takt ist von Lilypond gesetzt,
im zweiten Takt habe ich die richtige Lage des "c" erzwungen.
Ich denke, Lily sollte das standardmäßig so hinkriegen, oder?

Hintergrundinfo: Das Koyabu ist in aufsteigenden Quinten gestimmt
und die haben 7 Halbtöne. Möglicherweise liegt das Problem in diesem
Kontext - vor allem, da ich #minimalFret auf "1" festgelegt habe,
d.h. keine Leersaiten erlaubt . Zu allem Überfluss liegen beim Koyabu
die Bässe im Sinne der Tabulatur oben, die höchsten Töne unten.

Schöne Grüße aus den Alpen,
TipTap

RobUr

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #1 am: Donnerstag, 4. Februar 2010, 00:41 »
Zitat
Der vermeintliche Fehler: Der erste Takt ist von Lilypond gesetzt,
im zweiten Takt habe ich die richtige Lage des "c" erzwungen.
Ich denke, Lily sollte das standardmäßig so hinkriegen, oder?
Das denke ich nicht. Lily spielt weder Koyabu noch Geige noch Klavier. Wenn man deinen Wunsch weiterdenkt, müsste Lily z.B. per \set instrumentName = #"Koyabu" ebenfalls die Stimmung erkennen können (womit auch stringOneTopmost überflüssig wäre) … und viele andere Sachen mehr.

Die NR sagt dazu jedenfalls: „When no string is specified for a note, the note is assigned to the highest string that can generate the note with a fret number greater than or equal to the value of minimumFret. The default value for minimumFret is 0.“ Du musst also im Einzelfall selbst entscheiden, ob die Lage explizit anzugeben ist. Für längere Passagen lohnt sich eben der Einsatz von
\set TabStaff.minimumFret = #X { Noten } \unset TabStaff.minimumFret
und für gelegentliche  „Ausreißer“ halt die Lagenangabe innerhalb der Akkordnotation. Hast du doch prima hinbekommen!

Abgefahrenes Instrument, dieses Koyabu;)

Grüße, Robert

PS: Es ist nicht immer alles gleich ein Bug.

trulli

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #2 am: Donnerstag, 4. Februar 2010, 12:28 »
Hi TipTap (jetzt weiß ich also warum du so heißt...),

das Ding sieht aus wie ein spiegelverkehrter Monster-Chapman  :)  Meinen Respekt, dass du mit so vielen Saiten zurecht kommst.

Wie du sicher von deinem Instrument her weißt, ist nicht unbedingt der naheliegendste Fingersatz auch der Beste. Persönliche Vorlieben spielen bei Saiteninstrumenten eine große Rolle: was der eine wegen des Tones gerne in der Lage spielt, das macht der andere lieber in der unteren Lage mit leeren Saiten. Allein durch diese Tatsache ist kein Programm der Welt in der Lage einen "guten" Fingersatz zu berechnen.

In deinem Beispiel wundert es mich, dass Lily die 4te16tel Note (das h) nicht auf die leere H-Saite gesetzt hat. Klar kann man das nicht mehr tappen, sondern nur abziehen, aber das weiß Lily ja nicht. Handarbeit beim Setzen wird also immer nötig sein und das ist auch gut so, schließlich soll am Ende auch alles für dich gut spielbar sein.

In deinem Koyabu Stimmungskommentar schreibst du ein h, in deinen Noten ein b. Wenn du in den Noten auch h schreiben willst, dann kannst du unter die Versionszeile das hier setzen:

\include "deutsch.ly"

Aber vielleicht wusstest du das schon...

Grüße


TipTap

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #3 am: Donnerstag, 4. Februar 2010, 13:13 »
@RobUr:
Danke für die Erläuterungen, vor allem in Bezug auf die "Denkweise"
von Lily: Man muss sich einfach klar machen, dass die Software
an sich algorithmisch - also auf einer abstrakteren Ebene - funktioniert
und nicht "musikalisch" ist :)

Gelernt habe ich nun, dass man \set TabStaff.minimumFret = #X { Noten }
auch irgendwo[TM] mitten in den Noten verwenden kann. Das war mir
nicht bewusst.

Als eingefleischter LaTeXniker frage ich mich (und dich/euch) gleich,
ob man solche Konstrukte auch in ein Makro packen könnte? Auf
LaTeX ginge das sinngemäß vielleicht so:

\newcommand[1]{shift}{ \set TabStaff.minimumFret = ##1}
 c d \shift{5} e f g

Das würde den Code etwas kompakter halten.

@trulli:
Zitat von: trulli
Hi TipTap (jetzt weiß ich also warum du so heißt...)
Yep ... nomen est omen - manchmal wenigstens ;)

Zitat von: trulli
das Ding sieht aus wie ein spiegelverkehrter Monster-Chapman  :)
Chapman Stick, Mobius Megatar, Tapladder, Warr Guitar - das sind alles Verwandte.

Zitat von: trulli
Meinen Respekt, dass du mit so vielen Saiten zurecht kommst.
Ich übe noch ;)

Der ernstere Hintergrund ist, dass ich "notgedrungen" auf ein Tapping-Instrument
umgestiegen bin, weil ich in den Sattelgelenken beider Daumen Polyarthritis habe
und deshalb jeder Gegedruck zwischen Daumen und den anderen Fingern weh tut.

Ich spiele seit über 30 Jahren Gitarren, habe eine handgebaute klassische Takamine,
eine besonders schöne Ovation Collectors 1999 (steel string) und eine Epiphone Emperor II
Joe Pass Signature
Jazzgitarre. Die Gitarren passen gut zu meinen bevorzugten
Stilrichtungen von Klassik über Fingerstyle bis zu cleanem Jazz. Jetzt stehen sie
meistens in der Ecke und nur ab und zu kann ich mal ein bisschen klimpern.
Da nehme ich meistens die Klassische - weicher Klang und wenig Fingerdruck.

Tappen auf dem Koyabu geht mit 8 Fingern ganz gut, aber es ist lagentechnisch
aufgrund der eigenwilligen Stimmung nicht so einfach: Den Ton "C" gibt es
nicht weniger als 24-mal auf dem Griffbrett ... da muss man sich erst mal
orientieren.

Zitat von: trulli
Wie du sicher von deinem Instrument her weißt, ist nicht unbedingt der naheliegendste Fingersatz auch der Beste. Persönliche Vorlieben spielen bei Saiteninstrumenten eine große Rolle: was der eine wegen des Tones gerne in der Lage spielt, das macht der andere lieber in der unteren Lage mit leeren Saiten. Allein durch diese Tatsache ist kein Programm der Welt in der Lage einen "guten" Fingersatz zu berechnen.

Ja, das ist wohl wahr. Mich hatte bei meinem Minimalbeispiel nur gewundert,
dass Lily die beiden benachbarten Noten an Position "7" völlig unbeachtet
ließ und statt der "8" direkt daneben (nur 1 Halbton) eine "1" auf einer
anderen Saite setzte. Jeder Gitarrist würde Sprünge wie 7 - 1 - 7 vermeiden
wollen .... aber ich versehe, dass Lily nicht so "denkt" :)

Zitat von: trulli
In deinem Koyabu Stimmungskommentar schreibst du ein h, in deinen Noten ein b. Wenn du in den Noten auch h schreiben willst, dann kannst du unter die Versionszeile das hier setzen:

\include "deutsch.ly"

Aber vielleicht wusstest du das schon...

Hatte ich in den Doks gelesen. Ich! ... in den Doks! ... gelesen!
Nehmt das bitte zur Kenntnis 8)

Ich bevorzuge für den Eigenbedarf den konsequenten und sachlich richtigen
Gebrauch des "B" bzw. "Bb", das habe ich mir durch die Jazzliteratur schon früh
angewöhnt. Habe das sogar mal in einem eigenständigen Usenet-Artikel ~2003
promotet ("Muss man offensichtliche Fehler kultivieren und pflegen?"), hat aber
dem "B" bisher nicht zum Durchbruch verholfen ;)

Viele Grüße aus den sonnigen, föhnumstürmten Alpen,

TipTap

RobUr

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #4 am: Donnerstag, 4. Februar 2010, 14:12 »
Zitat
Als eingefleischter LaTeXniker frage ich mich (und dich/euch) gleich,
ob man solche Konstrukte auch in ein Makro packen könnte?
Ja, das geht:
minFret = #(define-music-function (parser location value) (number?)
#{
\set minimumFret = #$value
#})

c d \minFret #5 e f g

Zitat
Hatte ich in den Doks gelesen. Ich! ... in den Doks! ... gelesen!
Man könnte ja auch die Beispiele durchfingern … *lalala* 8)

Zitat
Ich bevorzuge für den Eigenbedarf den konsequenten und sachlich richtigen Gebrauch des "B" bzw. "Bb"
Nein, dazu äußere ich mich nicht … nein ;) Ist aber doch noch ein lustiger Thread geworden. (Warum nur heißt es ausgesprochen äitsch und nicht haaa … oder dabbljuuu statt einfach nur weee … wollte man gar den Knoten in der Zunge durch äitsch-flätt vermeiden? „Flach“ und „scharf“ sind ja ebenso blumige Vokabeln wie „erniedrigt“ oder „erhöht“ – nein: ich habe nichts gesagt!)

Grüße, Robert

TipTap

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #5 am: Donnerstag, 4. Februar 2010, 15:37 »
Danke für das Makro

... und über "Beh" und "Bess" will ich mich jetzt auch nicht auslassen  :D

trulli

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #6 am: Donnerstag, 4. Februar 2010, 18:15 »
Zitat
  sachlich richtigen Gebrauch des "B" bzw. "Bb"

Auch ich hätte dazu noch eine Meinung, aber ich lasse es  ;D

Dann kommst du also von der Jazzgitarre, sicher eine gute Voraussetzung fürs Tappen. Aber wie spielst du denn ohne Nägel die klassische Gitarre? Mit Kuppe oder mit Plekt?

Grüße

TipTap

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #7 am: Donnerstag, 4. Februar 2010, 19:32 »
In meinem länglichen Beitrag von heute um 13:13:19 Uhr steht
ein Teil der Antwort. Nachdem ich dich das dritte Mal zitiert habe,
beginnt sie mit:

Zitat
Der ernstere Hintergrund ...

Plektrum und Klassikgitarre halte ich für "pfui". Wenn ich dieses Edelholz
mit meinen Fingern kose, dann darf da nichts zwischen uns sein ;)

Ansonsten ist mit Klassik (und Jazz) weitgehend passe, s.o.  :'(

Ohne dieses Leiden hätt ich keinen dringenden Bedarf an einem
Tapping-Instrument gehabt. Der klassische Nylonklang auf Holz
ist für mich einfach unerreicht - mein persönliches Lieblingsinstrument.

TipTap

trulli

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #8 am: Freitag, 5. Februar 2010, 10:37 »

Zitat
Ansonsten ist mit Klassik (und Jazz) weitgehend passe, s.o.  :'(
Hallo TipTap,
diese Situation kenne ich sehr gut - als Berufsmusiker erhielt ich eines Tages die Diagnose einer unheilbaren Musikerkrankheit. Ich konnte dadurch kein Stück mehr aus meinem Repertoire, das ich in Jahrzehnten aufgebaut hatte, spielen. Einer der schwärzesten Tage meines Lebens.
Und heute, nach vielen Jahren der Therapien, der Suche und des Loslassens, kann ich wieder spielen. Es gibt Wunder - wir sollten niemals aufhören daran zu glauben.

Zitat
Der klassische Nylonklang auf Holz
ist für mich einfach unerreicht - mein persönliches Lieblingsinstrument.
Geht mir nach bald 30 Jahren Konzertgitarre immer noch so

Grüße von Matthias

TipTap

  • Gast
Re:Tabulatur - unökonomischer Lagenwechsel / unspielbare Position
« Antwort #9 am: Freitag, 5. Februar 2010, 10:59 »
Danke für deine offenen Worte! Es tut gut zu lesen,
dass jemand weiß, wovon man redet und versteht,
was das alles für das eigene Leben bedeuten kann.

TipTap