Autor Thema: Akkorde ohne bzw. mit verstcktem Root oder Extra Markup  (Gelesen 5725 mal)

db5fx

  • Gast
Akkorde ohne bzw. mit verstcktem Root oder Extra Markup
« am: Donnerstag, 10. Januar 2013, 21:02 »
Hallo!
Nach einigen Misserfolgen beim Setzen folgender Akkorde muss ich mal hier nachfragen.
Es treten folgende Schwierigkeiten auf:

Habe ich was beim Kuhgeln übersehen, oder kann mir jemand einen noch einen Tip geben?

Gruß, db5fx

Edit: Betreff vervollständigt, Bild angehängt, nicht verlinkt
« Letzte Änderung: Donnerstag, 10. Januar 2013, 21:08 von db5fx »

Be-3

  • Gast
Re: Akkorde ohne bzw. mit verstcktem Root oder Extra Markup
« Antwort #1 am: Freitag, 11. Januar 2013, 20:50 »
Hallo db5fx,

willkommen im Forum!
Mal sehen, ob man nicht irgendwie eine Lösung für Dein Problem hindengeln kann...

Problematik: bei einem sus4-Akkord gibt es keine Terz, und somit ist es eigentlich völlig sinnlos, zwischen Dur oder Moll zu unterscheiden.
Nur: bei der spezifisch deutschen Schreibweise mit Kleinbuchstaben für Mollakkorde wäre es allerdings unschön, wenn ständig zwischne Groß- und Kleinschreibung gewechselt würde, obwohl man sich eindeutig im Moll-Kontext bewegt und Dein Beispiel für die Auflösung nur eine 3 ohne Tohnhöhenangabe zeigt. Seltsam - ich habe so etwas noch nie gesehen, das ist ja fast wie bezifferter Generalbaß... ;)

Das mit dem Transponieren stimmt, aber die Länge ist kein Problem - die läßt sie wie gewohnt beim Akkord eingeben (oder auch nicht, dann bleibt sie unverändert). Die Ersetzungs-Makro \replaceCN ändert ja nur einmalig den "Stencil" (blau markiert). Wenn im Beispiel aus dem ganztaktigen H-Moll am Ende einen halbtaktigen zu machen, genügt es, an der üblichen Stelle eine 2 einzufügen (rot markiert).
Das "Blaue" für sich genommen gibt keinen Akkord aus, es ersetzt nur das, was das "Rote" normalerweise ausdrucken würde.
\chords { e1:sus4 g e:m \replaceCN \BmsusA b2:m }

Lösungsmöglichkeit:

Moll-Quartvorhalt h4
Es ist ziemlich aufwendig, am "Ignatzek" herumzubasteln, deshalb habe ich nur eine Exception definiert. Um einen kleinen Buchstaben zu bekommen, erwartet Lilypond einen Moll-Akkord - also eine kleine Terz (b3). Die soll es haben, und noch eine 4 dazu:
<c es f g>1-\markup { \super "4" }
Schreiben kann man dieses Konstrukt dann als b:sus4.3- oder b4:m5.4 (die 5 braucht man für die Quinte) usw.
Transponieren läßt es sich auch.

Auflösung zu H-Moll
Diese höchst seltsame Schreibweise, bei der nur die Terz (3) gedruckt wird, habe ich durch ein kleines Makro \hideRoot realisiert, das einfach den ChordName-Stencil durch eine hochgestellte 3 ersetzt. Wenn man \hideRoot b:m schreibt, "versteht" Lilypond zwar immer noch "H-Moll", druckt aber statt h nur eine hochgestellte 3 aus.

\version "2.16.1"

chExceptionMusic = {
  <c es f g>1-\markup { \super "4" }
}

chExceptions = #( append
  ( sequential-music-to-chord-exceptions chExceptionMusic #t)
  ignatzekExceptions)

hideRoot = { \once\override ChordNames.ChordName #'stencil =
                         #(lambda (grob) (grob-interpret-markup grob (markup #:super "3" ))) }
 
akkorde = \chordmode {
  \germanChords
  \set chordNameExceptions = #chExceptions
  \set chordNameLowercaseMinor = ##t 
  b4:sus4.3- \hideRoot b:m a2 |
}

melodie = \relative c' {
  \autoBeamOff
  e4 d8 e ~ e4 r |
}

<<
    \new ChordNames \akkorde
    \new Staff \melodie
>>

Viele Grüße
Torsten
« Letzte Änderung: Freitag, 11. Januar 2013, 21:05 von Be-3 »

db5fx

  • Gast
Re: Akkorde ohne bzw. mit verstcktem Root oder Extra Markup
« Antwort #2 am: Samstag, 12. Januar 2013, 07:12 »
Guten Morgen!

Vielen Dank für die prompte und gute Lösung. :D
Es braucht schon viel Wissen um Musiktheorie und Lilypondinterna, um so etwas "Einfaches" hinzubekommen.

Problematik: bei einem sus4-Akkord gibt es keine Terz, und somit ist es eigentlich völlig sinnlos, zwischen Dur oder Moll zu unterscheiden.
Nur: bei der spezifisch deutschen Schreibweise mit Kleinbuchstaben für Mollakkorde wäre es allerdings unschön, wenn ständig zwischne Groß- und Kleinschreibung gewechselt würde, obwohl man sich eindeutig im Moll-Kontext bewegt und Dein Beispiel für die Auflösung nur eine 3 ohne Tohnhöhenangabe zeigt. Seltsam - ich habe so etwas noch nie gesehen, das ist ja fast wie bezifferter Generalbaß... ;)

Vielleicht zur Erklärung: beide Konstrukte habe ich häufig im Bereich der Neuen Geistlichen Lieder kennengelernt als "Schrummel"-Begleitung für die Gitarre, oft auch handgeschrieben. Wenn der Akkord kurz mit einem Quartvorhalt beginnt und dann in die Terz aufgelöst wird braucht man nur einen Finger umzusetzen. Da es weniger Schreibarbeit ist und auch übersichtlicher aussieht, wird
die Tonhöhenangabe einfach weggelassen. Dazu muss der sus4-Akkord ggf. natürlich als Moll-Akkord gesetzt werden. Ähnliches Spiel gibt es übrigens mit dem Sept-Akkord, entwerder wie hier die Auflösung zum Grundakkord oder häufiger vom Grundakkord in die Sept, wobei dann nur die 7 ohne Tonhöhenangabe gesetzt wird.

Das mit dem Transponieren stimmt, aber die Länge ist kein Problem - die läßt sie wie gewohnt beim Akkord eingeben (oder auch nicht, dann bleibt sie unverändert). Die Ersetzungs-Makro \replaceCN ändert ja nur einmalig den "Stencil" (blau markiert). Wenn im Beispiel aus dem ganztaktigen H-Moll am Ende einen halbtaktigen zu machen, genügt es, an der üblichen Stelle eine 2 einzufügen (rot markiert).
Das "Blaue" für sich genommen gibt keinen Akkord aus, es ersetzt nur das, was das "Rote" normalerweise ausdrucken würde.
\chords { e1:sus4 g e:m \replaceCN \BmsusA b2:m }

Eine Frage zum Verständnis der Lilypondinterna (darüber bin ich schließlich ja gestolpert): Was genau bedeutet "stencil?

Fröhlichen Gruß!
Andi

Be-3

  • Gast
Re: Akkorde ohne bzw. mit verstcktem Root oder Extra Markup
« Antwort #3 am: Sonntag, 13. Januar 2013, 10:36 »
Hallo Andi,

Es braucht schon viel Wissen um Musiktheorie und Lilypondinterna, um so etwas "Einfaches" hinzubekommen.
Tja, einfach ist es nicht, aber ich muß an dieser Stelle für Lilypond die Lanze brechen: immerhin ist es möglich! (was bei anderen Notensatzprogrammen auch nicht so ohne weiteres gehen dürfte, außer man plaziert irgendwelchen "freien Text" - der sich dann aber auch nicht transponieren läßt).
Ähnliche Schreibweisen gibt es ja wie gesagt auch im Generalbaß, aber dort sind sie üblich und deshalb auch implementiert.

Und "einfach" ist es vom Endergebnis her schon, aber technisch/theoretisch gesehen, ist es eine ziemlich inkonsequente Sonderlösung einer nationalen Minderheitengruppe. ;)
"Unlogisch" habe ich hier erstens geschrieben, weil ein Quartvorhalt im hier gemeinten Sinne weder Dur noch Moll ist (genau wie ein Powerchord weder Dur noch Moll ist), weil schließlich keine Terz enthalten ist. Ein Hauptproblem hier war der Kleinbuchstabe für "Moll", den es ja auch nur in Deutschland gibt. Außerdem ist die 3 als Zeichen für die Auflösung des Vorhalts etwas unglücklich, weil es ja nach allgemeinen Akkordschreibweise-Konventionen eine "b3" sein müßte - denn es soll ja ein Moll-Akkord herauskommen...


Vielleicht zur Erklärung: beide Konstrukte habe ich häufig im Bereich der Neuen Geistlichen Lieder kennengelernt als "Schrummel"-Begleitung für die Gitarre, oft auch handgeschrieben. Wenn der Akkord kurz mit einem Quartvorhalt beginnt und dann in die Terz aufgelöst wird braucht man nur einen Finger umzusetzen. Da es weniger Schreibarbeit ist und auch übersichtlicher aussieht, wird
die Tonhöhenangabe einfach weggelassen. Dazu muss der sus4-Akkord ggf. natürlich als Moll-Akkord gesetzt werden. Ähnliches Spiel gibt es übrigens mit dem Sept-Akkord, entwerder wie hier die Auflösung zum Grundakkord oder häufiger vom Grundakkord in die Sept, wobei dann nur die 7 ohne Tonhöhenangabe gesetzt wird.
Ah, danke, das würde einiges erklären. Wobei ich die "Neuen Geistlichen Lieder" noch aus dem letzten Jahrtausend kenne - und ich habe immer noch den berühmt-berüchtigten "Anhang 77" als freundliche Dauerleihgabe der evangelischen Landeskirche. :)
Dort ist aber noch (wenn überhaupt) eine "klassische" Akkordschreibweise zu finden.
Irgendwie beschleicht mich der Verdacht, daß wie früher beim alte Kuhlo mit seinen Posaunenchören eine Schreibweise etabliert werden soll, die außerhalb des begrenzten religiösen Gruppenumfelds niemand praktiziert.  ???

Eine Frage zum Verständnis der Lilypondinterna (darüber bin ich schließlich ja gestolpert): Was genau bedeutet "stencil?
Ein Stencil in Lilypond ist ein "typographisches Objekt", das in einer begrenzenden Box (die bestimmt die Größe/Ausdehnung) zu druckende Elemente enthält. Also z. B. einen Buchstaben, Notenkopf, ein Fähnchen usw. Stencils können wiederum auch andere Stencils enthalten.
Diese Stencils lassen sich aber ändern - das häufiste Beispiel aus Benutzersicht dürfte wohl das "Verschwindenlassen" von Objekten sein.
Wenn man z. B. keine Taktangabe sehen will (z. B. beim Setzen von Lehrbeispielen wie Tonleitern ohne rhythmischen Zusammenhang), ist eine Möglichkeit, einfach den Stencil des betreffenden Objekts auf ##f (false) zu setzen.
Beispiel: Taktangabe weg: \override TimeSignature #'stencil = ##f
Im Gegensatz zum bloßen "Unsichtbarmachen" (\override TimeSignature #'transparent = ##t) nimmt die Taktangabe dann auch keinen Platz mehr weg.

In Deiner Anwendung hier lassen wir auf diese Weise den Akkordbuchstaben verschwinden bzw. ersetzen ihn durch eine hochgestellte 3. Mit einer 7 wäre das natürlich genauso möglich. :)

Viele Grüße
Torsten